Monatsarchiv für November 2021

“Entlarvungen in Schmetterlingsform” von Timo Brandt/ Signaturen-Magazin

Saturday, den 27. November 2021

Entlarvungen in Schmetterlingsform

„wenn unsere besos mächtiger wären als ein einziger bezos.
wenn es immer echt sein könnte, ohne dass man es allen recht machen müsste.
wenn nicht nur kinder und narren immer die wahrheit sagten.
wenn niemand mehr mit den augen rollen müsste,
wenn die anderen
aus ihren rollen fielen.
wenn sich die geliebte endlich geliebt fühlen würde.
wenn wir dann ein paar tangoschritte weiter wären.
wenn du an dich glauben dürftest, ohne je dran glauben zu müssen.“

Beim Betreten von Julia Mantels zweitem Gedichtband bei der Edition Faust (nach „Der Bäcker gibt mir das Brot auch so“, 2018) schlägt einem anfangs das Gedicht „stehen und liegen (lernen)“ entgegen, eine Aufzählung voller Wortspiele/Kalauer und gelegentlich gespickt mit Referenzen, eingehegt durch das mantraartig wiederholte „wenn“ am Anfang der Sätze. Eine, rhetorisch gesehen, runde Sache, die aber in ihrer Versessenheit auf Assonanzen ohne Unterlass aneckt.

Das nächste Gedicht „ich hab da glaub ich was für dich: so n tapetenhersteller aus der pfalz (international) braucht ne messehostess (mehrsprachig), fand dich sehr beeindruckend“ setzt dann noch einen drauf, bricht aus dem Gehege aus und verlässt die Rhetorik, laviert und mäandert frei durch und auf einer Flut von Anspielungen und Verspieltheit, wobei man dahinter, besonders bei letzterer, mehr als einmal die Gelüste der Lakonie vermutet.

„oft trügt der schein nicht nur, er trübt.
er betrübt vielmehr.“

Mit ihrer überbordenden Energie setzen diese beiden Auftaktgedichte quasi den Rahmen für die meist kürzeren und weniger expressiven Texte im Rest des Bandes. Zum Teil schlagen diese aus in Richtung Rhetorik, zum Teil in Richtung Verspieltheit, und versuchen, so erscheint es mir, in dieser dualen Verquickung eine Art Poetik des Lässlichen zu kreieren.

Mit dem „Lässlichen“ meine ich nicht das „Geringe“, sondern etwas, das in der Beiläufigkeit, mit der es in der Sprache verhandelt wird, lediglich gering erscheinen könnte. Gegen dieses Geringerscheinen setzt Mantels Poetik die akustische Nähe der Worte und die dazwischen sich auftuenden semantischen Verwerfungen ̶ ihre Verse springen leichtfüßig und -sinnig darüber.

(Mehr als einmal fühlte ich mich während der Lektüre an einen Essay von Lynn Salcom erinnert, wo es heißt „Jedes Wort hat eine festgelegte Bedeutung, aber es hat auch zahlreiche Anliegen, die wir mit ihm zusammen vorbringen, ohne es zu ahnen, wenn wir es aussprechen, hinschreiben, denken. Die Huldigung dieser Anliegen nennt man Poesie.“

„arm
greift
ins leere

ab und zu
nicht

arm sein (wollen).“

In Mantels Poesie finden die Worte in ihrer klanglichen Ähnlichkeit zueinander, um die Welt nicht nur zu bedenken, sondern sich ihre Hälse zu verrenken, damit sie nicht nur den üblichen Ausblick von ihrer eigenen Warte haben, sondern aus diesem Abwarten, Verharren in der eigenen Hülle ausbrechen können, hin zu einem Punkt, an dem die Irritation zu einer Irisration wird, die unseren Augen hilft im einzelnen Wort mehr zu sehen als einen Pfad, den eine gesicherte Bedeutung beschreitet.

Natürlich wirkt manchmal nichts so gesichert wie ein Kalauer und es kann dann und wann schwierig sein, in Mantels Versen die Unsicherheiten zu erkennen, auf die sie eingeht und hinweist, zumal sie zusätzlich einiges andere, teilweise auch Agitatorisches, in ihren Gedichten unterbringt. Es lohnt sich bei vielen ihrer Gedichte aber, hinter die strikten Oberflächen zu schauen und vor allem fortzuspinnen, was ihre Sprachkabbeleien an Zwischentönen absondern. Es steckt viel von der Lakonie und Lässigkeit von Mantels erstem Band darin, gepaart mit einem, manchmal gar an Jandl gemahnenden Kalauer-Esprit.

Zum Abschluss muss ich zugeben, dass mir trotz all der spannenden Auseinandersetzungen, die dieser Band bereithält, ein Gedicht am besten gefallen hat, das sehr schlicht ist, geradezu unhintergründig schön. Es heißt „für thomas brasch“ und geht so:

„streich mir das haar
aus der stirn

ich habe bretter
vorm kopf, die
die welt bedeuten

berühre mich dort
wo ich nie
gewesen bin.“

Mantels Gedichte entlarven, und sie sind gleichsam flirrend wie Schmetterlinge. Sie sind direkt, haben aber gleichsam etwas Verschlagenes. Man meint, sie auf den ersten Blick erkennen zu können, ist aber trotzdem auf der Hut vor ihnen. Man denkt ja manchmal wirklich, etwas stände einem zu, etwas stände einfach da. Aber man sollte genau hinschauen, vielleicht sogar genauer.

Timo Brandt

Julia Mantel: Wenn du eigentlich denkst, die Karibik steht dir zu. Gedichte. Frankfurt a.M. (Edition Faust)2021. 84 Seiten. 18,00 Euro.

signaturen-magazin.de/julia-mantel–wenn-du-eigentlich-denkst,-die-karibik-steht-dir-zu.html?fbclid=IwAR2ndFcaaOK8Ve72Fwdlf9vmIqEVFc-lXY5vZkXjqLZiNVL4gSFAlwzISMM

eröffnungsveranstaltung: kulturlabor/ kulturzeiterin/ 26. november/ berliner strasse 32

Tuesday, den 23. November 2021

mein-kulturlabor-flyer

easymagic123 im offenbacher kunstverein: am 3. dezember 2021! bitte vormerken!

Saturday, den 20. November 2021

easymagic123-flyer

mit bettina sellmann, julia jansen (malerei)
mit julia mantel (lyrik)
mit dr. isa bickmann (laudatio)

hunde, stunde

Saturday, den 13. November 2021

mein bein
eine wurzel
am boden
es schlägt
keinen purzel
baum/ bald
schlägt es
die stunde
doch niemand
geht vor
die hunde.

Wie sich zwei grosse Autorinnen finden und dann wieder verlieren// Deutschlandfunk Kultur

Monday, den 8. November 2021

Ingeborg Bachmann und Ilse Aichinger waren die weiblichen Stars der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur. Nun liegt erstmals der Briefwechsel der beiden vor. Eindringlich legt er ihre unterschiedlichen Lebensentwürfe in den 1950er-Jahren offen.

Gleich der erste Brief, den Ilse Aichinger im Mai 1950 an ihre Freundin schreibt, gibt einen vertrauten, liebevollen Ton vor. Es ist ihre Einladung nach Nußdorf an den Attersee zu kommen, für ein paar Tage: „Bring Dein Buch mit!“

Anfang der 50er-Jahre schreibt die junge Philosophiestudentin Bachmann gerade an ihrem ersten Romanmanuskript „Stadt ohne Namen“, hat ein paar Gedichte und Erzählungen in Zeitschriften veröffentlicht und ist mit Hörspielarbeit überfrachtet. Die fünf Jahre ältere Ilse Aichinger hat in dieser Zeit bereits ihren Roman „Die größere Hoffnung“ publiziert, der bis heute als einer der wichtigsten Nachkriegsbücher gilt. „Komm wirklich, Ingelein – Deine Ilse.“

Zwei Autorinnen von unterschiedlicher Herkunft

Eine gesuchte Nähe von Anfang an. Dabei sind die Österreicherinnen, die sich im Nachkriegswien im Literatenkreis um Hans Weigel kennengelernt haben, von so unterschiedlicher Herkunft, mit grundlegend verschiedenen Erfahrungen. Die eine ist die Tochter eines Nazis, Bachmanns Vater war schon Anfang der 30er-Jahre Mitglied der NSDAP. Die andere eine Jüdin, die mit ihrer Mutter in einem winzigen Versteck in Wien überlebte und Verwandte im Holocaust verlor.

Auffällig an diesen Briefen sind daher die Leerstellen, von Anfang an, dieses Thema wird kaum berührt. Nur einmal schwingt etwas mit, als Aichinger sich ihre Freundin gedanklich vor Augen führt: „wo Du jetzt liegst oder bist, dann seh ich das Bild Deines Vaters in k. u. k.-Uniform vor mir“.

Trotzdem schmiegen sie sich in ihren Briefen aneinander. Die eine, weil sie die Kraft hat, trotz und wegen ihrer erschütternden Erfahrungen, die andere, weil sie die Einsamkeit früh als Gefahr für sich ansah. „Sei versichert, dass Du immer dazugehörst“, schreibt ihr Aichinger. In ihrer selbsternannten Wahlfamilie nennt sie Bachmann ihre „Zwillingsschwester“ und auch ihre Mutter Berta Aichinger unterschreibt mit „Busserln, Ingebienchen, Ihre Mutti (Ersatz)“.

Zusammen gegen männlich dominierten Literaturbetrieb

Im tief vertrauten familiären Grundton geht es in den folgenden 74 Briefen von Aichinger und den 30 Briefen von Bachmann um Alltagsdinge, Geldsorgen, das Dauerthema Wohnungssuche und um turbulente Dichterbesuche. Interessant, wie die beiden Österreicherinnen im männlich dominierten Literaturbetrieb der 50 Jahre zusammenhalten. Auf den Tagungen der Gruppe 47 ist Bachmann, so schreibt sie 1952 an ihre Eltern, „außer Ilse die einzige weibliche Person und natürlich die Jüngste.“

Aber während Aichinger den „Wirbel und den Betrieb“ für gefährlich hält, sobald er „keine Zeit mehr lässt Heimweh zu haben“, stürzt sich Bachmann buchstäblich in den Literaturbetrieb. Nach ihrem Preis der Gruppe 47, ihrem Titel-Porträt auf dem „Spiegel“-Cover beginnt ihr fast kometenhafter Aufstieg.

Neue Dokumente aus Bachmanns Nachlass

Aufschlussreich und neu lesen sich die Briefe vor allem darin, wie nackt sie die unterschiedlichen Lebensentwürfe der Autorinnen offenlegen. Auch deshalb, weil Herausgeberin und Herausgeber weitere neue Dokumente aus dem privaten Bachmann-Nachlass heranziehen. Während sich Aichinger nach der Heirat mit Günter Eich für die Familie entscheidet, sucht Bachmann ihren Lebensweg einer selbstständigen, schreibenden Frau.

In einen Brief an ihre Eltern im Oktober 1959 fragt sie, ob sie eine Heirat und Kinder für sie richtig fänden, denn sie zähle sich, auch was ihren „Beruf“ angehe, mehr „zu den Männern“. Doch als Aichinger ihr die Geburt ihres ersten Kindes mitteilt, bekennt Bachmann, fast verzweifelt, ihre Sehnsucht nach Familie und dieser „kleinen Krebsigkeit“:

„… manchmal könnt ich auch heulen, weil ich das Gefühl hab, dass ich nie eins haben werd‘ und weil am Horizont absolut kein Licht auftaucht – dass es anders werden könnte mit dem Alleinsein und seiner Fatalität“.

Briefwechsel endet mit Bachmanns Beziehung zu Frisch

Die Lebenswege der einst Vertrauten entwickeln sich weit auseinander. Mit Beginn der Liebesbeziehung zu Max Frisch, die für Bachmann in einer Katastrophe enden wird, werden die Briefe weniger. 1962 kommt der Briefwechsel völlig zum Erliegen. Sie hätte gern noch mehr geschrieben, so Bachmann an Aichinger, „aber ich muss an die Maschine!“ Eines offenbart dieser Briefwechsel aufs Neue: das Dilemma einer weiblichen Schriftstellerexistenz im Korsett der 50er-Jahre.

Ingeborg Bachmann, Ilse Aichinger, Günter Eich: „halten wir einander fest und halten wir alles fest!“
Briefe. Hrsg. von Irene Fußl und Roland Berbig
Salzburger Bachmann-Edition
Suhrkamp Verlag, Berlin 2021
347 Seiten, 40 Euro

www.deutschlandfunkkultur.de/bachmann-aichinger-eich-halten-wir-einander-fest-und-halten.1270.de.html?dram:article_id=504923

“easymagic123″ im offenbacher kunstverein: bettina sellmann, julia jansen & julia mantel

Thursday, den 4. November 2021

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3. dezember 2021
ab 18h

Vernissage!

Malerei von Bettina Sellmann und Julia Jansen
Lyrik-Lesung von Julia Mantel
Laudatio von Isa Bickmann

Offenbacher Kunstverein
Aliceplatz 11
(Eingang im Shopping-Center)

Easymagic123 lässt ausgewählte Werke der malerischen Repertoires von Julia Jansen und Bettina Sellmann aufeinandertreffen und zusammen mit Julia Mantels Gedichten eine temporäre Bindung oder Reaktion eingehen.

Julia Jansens neue Bilder sind Abbildungen digitaler Pinselstriche auf illusionistisch-konvex gewölbter, glänzender, semi-transparenter Oberfläche. Ihre räumliche Wirkung entfalten die sehr farbigen Bilder nur in frontaler Betrachtung; von der Seite wirken sie frappierend zweidimensional.

Bettina Sellmanns Bilder zeigen transparent wirkende Figuren, die Manga- und Barockeinflüsse verschmelzen. „Durchsichtige Versionen alter Meister“ offenbaren die Zerbrechlichkeit der äußeren Erscheinungen sowie auch eine innere Verletzlichkeit. Perfekte Oberflächen zerfließen und werden transformiert auf der Suche nach einer scheinbaren Essenz.

Das kommunikative Spiel mit Transparenz wird vervollständigt durch den klaren textlichen Sound von Julia Mantels wortspielerisch verwebten Gedichten, die — im Gegensatz zu ihrer Form — von enormer Kraft und Direktheit sind.