Zeichen der Zeit: Gedichte von Julia Mantel

3. December 2021

Was ist gegensätzlich zu Blümchenlyrik?

Was, wenn Wortspiel keine Spielerei ist?

Was ist Postmodernismus?

Was kommt 100 Jahre nach der Neuen Sachlichkeit?

Was folgt auf Dadaismus?

Julia Mantels Lyrikband ist die variantenreiche Antwort auf sämtliche eingangs gestellten Fragen. Konkret:

Gleich im ersten Gedicht konfrontiert Julia Mantel ihre Leserschaft mit einer Salve von Versen, von denen jeder alleinstehend aussagekräftig ist und zugleich Fragen aufwirft, deren Antworten naheliegen, jedoch im Gesamtkontext des Gedichtes weiter gedacht werden müssen:

„wenn du an dich glauben dürftest, ohne je daran glauben zu müssen.“
(…)
„wenn die schöpfung nicht dauererschöpft wäre.“
(…)
„wenn durch die adern kein hadern mehr flösse.“

Jeder Mensch hat ja ein Anrecht auf etwas Glück. „Wenn Du eigentlich denkst, die Karibik steht Dir zu“ ist zwar ein sperriger Buchtitel, aber ein zutreffender. So wie man beim Lesen des Titels inne halten muss, um ihn zu erfassen, danach um ihn aus eigener Überlegung heraus gedanklich zu vervollständigen, ebenso ergeht es den Leser*innen bei den Gedichten dieses Bandes. Gesellschaftlich etablierte Grundannahmen, wie auch Errungenschaften der Moderne, werden in Frage gestellt, Folgeerscheinungen veranschaulicht. Der gelegentliche Sarkasmus ist die angenehme Komponente:

„wenn an der angel nicht immer soviel mangel hinge.“

Die Lyrikerin thematisiert Alltägliches aus Deutschland: In entblößendem Umgangston wird ach so Empörendes erzählt, ebenso wie knapp formulierte Schieflagen der leisen Art vermittelt. Mal wird südhessisch gebabbelt („drunter mache mers nett!„), mal werden Nomen in ihrer puren Eindeutigkeit in Form gesetzt; lesbar wie ein Stakkato:

anker ranken

ich hielt um
seine hand
an

und starrte
dann die wand
an

eine freundin brachte
daran strand
an.

Zwischenmenschliche, wie auch soziale Trostlosigkeit – die großen Themen des Buches – kann man wohl kaum knapper und damit pointierter in Verse fassen. Diese illusionslose Nüchternheit fand schon mal Anfang der zwanziger Jahre Anwendung und Entwicklung. Damals schrieb Erich Kästner „Fabian“. Nun wurde der Roman verfilmt. Die Zeichen der Zeit sind durchaus vergleichbar.

Mantel wählt bewusst banal klingende Formulierungen wenn sie gefestigte Ideale anprangert:

„dann hängste mit dem (fast-dumm-wie-)strohhut in der hängematte“ (…)
„und plötzlich
fällt dir dann
auch wieder
der barschel
in der badewanne ein
weil du hängst ja
auch irgendwie rum
(harry, hol schon mal den wagen)“

Banal sind solche Assoziationen in mehrerlei Hinsicht sicherlich nicht. Die vermeintlich zufallsgesteuerte Aneinanderreihung von Anspielungen ergibt in ihrer Gesamtheit kein stimmiges Bild; sehr wohl aber ein gut erkennbares Bild. Die Verzerrungen und überraschenden Wendungen stehen dem Vertrauten entgegen, rütteln daran, entlarven. Provokationen sind per se unangenehm, werden aber Dank Mantels Kreativität zur Denkaufgabe und durchaus auch zum Lesevergnügen.

Julia Mantel wurde Mitte der Siebziger in Frankfurt a.M. geboren, studierte Angewandte Kulturwissenschaften in Lüneburg, machte der Generation Praktika alle Ehre, wechselte ins Landleben und wieder zurück zum Citylife, changiert zwischen Strickkunst und Lyrik, engagiert sich im Hessischen Schriftstellerverband wie auch im losen Literatursalon Fluchtentier. Nun hat sie den vierten Gedichtband vorgelegt, passender Weise wiederholt bei Edition Faust. Deren Trägerin, die Faust Kultur Stiftung, betreibt neben ihrer editorischer Tätigkeit auch das Onlineportal faustkultur.de, organisiert die jährliche Veranstaltungsreihe Textland und fördert tatkräftig zahlreiche Kulturprojekte.

Fehmi Baumbach griff bei ihren Text-Bild-Collagen auf Lyrik von Julia Mantel zurück und schuf in bester Dadaismus-Manier Kunstwerke, die im Herbst in Berlin ausgestellt worden sind. Julia Mantels Gedichte: lesens- und sehenswert. Es lohnt sich genauer hinzuschauen.

Rezensent: Ortwin Bonfert

Julia Mantel: Wenn du eigentlich denkst, die Karibik steht dir zu
Gedichte

Entrèe: Paul-Henri Campbell
Aprèe: Alexandru Bulucz
Edition Faust, Frankfurt a.M. 2021
84 S., 18,- Euro.
ISBN: 978-3-9454-87-6

Hinweis: Das Rezensionsexemplar wurde auf Anfrage dankbarer Weise unentgeltlich zur Verfügung gestellt.

https://diespiegelungen.wordpress.com/2021/12/01/zeichen-der-zeit-gedichte-von-julia-mantel-rezension

“Entlarvungen in Schmetterlingsform” von Timo Brandt/ Signaturen-Magazin

27. November 2021

Entlarvungen in Schmetterlingsform

„wenn unsere besos mächtiger wären als ein einziger bezos.
wenn es immer echt sein könnte, ohne dass man es allen recht machen müsste.
wenn nicht nur kinder und narren immer die wahrheit sagten.
wenn niemand mehr mit den augen rollen müsste,
wenn die anderen
aus ihren rollen fielen.
wenn sich die geliebte endlich geliebt fühlen würde.
wenn wir dann ein paar tangoschritte weiter wären.
wenn du an dich glauben dürftest, ohne je dran glauben zu müssen.“

Beim Betreten von Julia Mantels zweitem Gedichtband bei der Edition Faust (nach „Der Bäcker gibt mir das Brot auch so“, 2018) schlägt einem anfangs das Gedicht „stehen und liegen (lernen)“ entgegen, eine Aufzählung voller Wortspiele/Kalauer und gelegentlich gespickt mit Referenzen, eingehegt durch das mantraartig wiederholte „wenn“ am Anfang der Sätze. Eine, rhetorisch gesehen, runde Sache, die aber in ihrer Versessenheit auf Assonanzen ohne Unterlass aneckt.

Das nächste Gedicht „ich hab da glaub ich was für dich: so n tapetenhersteller aus der pfalz (international) braucht ne messehostess (mehrsprachig), fand dich sehr beeindruckend“ setzt dann noch einen drauf, bricht aus dem Gehege aus und verlässt die Rhetorik, laviert und mäandert frei durch und auf einer Flut von Anspielungen und Verspieltheit, wobei man dahinter, besonders bei letzterer, mehr als einmal die Gelüste der Lakonie vermutet.

„oft trügt der schein nicht nur, er trübt.
er betrübt vielmehr.“

Mit ihrer überbordenden Energie setzen diese beiden Auftaktgedichte quasi den Rahmen für die meist kürzeren und weniger expressiven Texte im Rest des Bandes. Zum Teil schlagen diese aus in Richtung Rhetorik, zum Teil in Richtung Verspieltheit, und versuchen, so erscheint es mir, in dieser dualen Verquickung eine Art Poetik des Lässlichen zu kreieren.

Mit dem „Lässlichen“ meine ich nicht das „Geringe“, sondern etwas, das in der Beiläufigkeit, mit der es in der Sprache verhandelt wird, lediglich gering erscheinen könnte. Gegen dieses Geringerscheinen setzt Mantels Poetik die akustische Nähe der Worte und die dazwischen sich auftuenden semantischen Verwerfungen ̶ ihre Verse springen leichtfüßig und -sinnig darüber.

(Mehr als einmal fühlte ich mich während der Lektüre an einen Essay von Lynn Salcom erinnert, wo es heißt „Jedes Wort hat eine festgelegte Bedeutung, aber es hat auch zahlreiche Anliegen, die wir mit ihm zusammen vorbringen, ohne es zu ahnen, wenn wir es aussprechen, hinschreiben, denken. Die Huldigung dieser Anliegen nennt man Poesie.“

„arm
greift
ins leere

ab und zu
nicht

arm sein (wollen).“

In Mantels Poesie finden die Worte in ihrer klanglichen Ähnlichkeit zueinander, um die Welt nicht nur zu bedenken, sondern sich ihre Hälse zu verrenken, damit sie nicht nur den üblichen Ausblick von ihrer eigenen Warte haben, sondern aus diesem Abwarten, Verharren in der eigenen Hülle ausbrechen können, hin zu einem Punkt, an dem die Irritation zu einer Irisration wird, die unseren Augen hilft im einzelnen Wort mehr zu sehen als einen Pfad, den eine gesicherte Bedeutung beschreitet.

Natürlich wirkt manchmal nichts so gesichert wie ein Kalauer und es kann dann und wann schwierig sein, in Mantels Versen die Unsicherheiten zu erkennen, auf die sie eingeht und hinweist, zumal sie zusätzlich einiges andere, teilweise auch Agitatorisches, in ihren Gedichten unterbringt. Es lohnt sich bei vielen ihrer Gedichte aber, hinter die strikten Oberflächen zu schauen und vor allem fortzuspinnen, was ihre Sprachkabbeleien an Zwischentönen absondern. Es steckt viel von der Lakonie und Lässigkeit von Mantels erstem Band darin, gepaart mit einem, manchmal gar an Jandl gemahnenden Kalauer-Esprit.

Zum Abschluss muss ich zugeben, dass mir trotz all der spannenden Auseinandersetzungen, die dieser Band bereithält, ein Gedicht am besten gefallen hat, das sehr schlicht ist, geradezu unhintergründig schön. Es heißt „für thomas brasch“ und geht so:

„streich mir das haar
aus der stirn

ich habe bretter
vorm kopf, die
die welt bedeuten

berühre mich dort
wo ich nie
gewesen bin.“

Mantels Gedichte entlarven, und sie sind gleichsam flirrend wie Schmetterlinge. Sie sind direkt, haben aber gleichsam etwas Verschlagenes. Man meint, sie auf den ersten Blick erkennen zu können, ist aber trotzdem auf der Hut vor ihnen. Man denkt ja manchmal wirklich, etwas stände einem zu, etwas stände einfach da. Aber man sollte genau hinschauen, vielleicht sogar genauer.

Timo Brandt

Julia Mantel: Wenn du eigentlich denkst, die Karibik steht dir zu. Gedichte. Frankfurt a.M. (Edition Faust)2021. 84 Seiten. 18,00 Euro.

signaturen-magazin.de/julia-mantel–wenn-du-eigentlich-denkst,-die-karibik-steht-dir-zu.html?fbclid=IwAR2ndFcaaOK8Ve72Fwdlf9vmIqEVFc-lXY5vZkXjqLZiNVL4gSFAlwzISMM

eröffnungsveranstaltung: kulturlabor/ kulturzeiterin/ 26. november/ berliner strasse 32

23. November 2021

mein-kulturlabor-flyer

easymagic123 im offenbacher kunstverein: am 3. dezember 2021! bitte vormerken!

20. November 2021

easymagic123-flyer

mit bettina sellmann, julia jansen (malerei)
mit julia mantel (lyrik)
mit dr. isa bickmann (laudatio)

hunde, stunde

13. November 2021

mein bein
eine wurzel
am boden
es schlägt
keinen purzel
baum/ bald
schlägt es
die stunde
doch niemand
geht vor
die hunde.

Wie sich zwei grosse Autorinnen finden und dann wieder verlieren// Deutschlandfunk Kultur

8. November 2021

Ingeborg Bachmann und Ilse Aichinger waren die weiblichen Stars der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur. Nun liegt erstmals der Briefwechsel der beiden vor. Eindringlich legt er ihre unterschiedlichen Lebensentwürfe in den 1950er-Jahren offen.

Gleich der erste Brief, den Ilse Aichinger im Mai 1950 an ihre Freundin schreibt, gibt einen vertrauten, liebevollen Ton vor. Es ist ihre Einladung nach Nußdorf an den Attersee zu kommen, für ein paar Tage: „Bring Dein Buch mit!“

Anfang der 50er-Jahre schreibt die junge Philosophiestudentin Bachmann gerade an ihrem ersten Romanmanuskript „Stadt ohne Namen“, hat ein paar Gedichte und Erzählungen in Zeitschriften veröffentlicht und ist mit Hörspielarbeit überfrachtet. Die fünf Jahre ältere Ilse Aichinger hat in dieser Zeit bereits ihren Roman „Die größere Hoffnung“ publiziert, der bis heute als einer der wichtigsten Nachkriegsbücher gilt. „Komm wirklich, Ingelein – Deine Ilse.“

Zwei Autorinnen von unterschiedlicher Herkunft

Eine gesuchte Nähe von Anfang an. Dabei sind die Österreicherinnen, die sich im Nachkriegswien im Literatenkreis um Hans Weigel kennengelernt haben, von so unterschiedlicher Herkunft, mit grundlegend verschiedenen Erfahrungen. Die eine ist die Tochter eines Nazis, Bachmanns Vater war schon Anfang der 30er-Jahre Mitglied der NSDAP. Die andere eine Jüdin, die mit ihrer Mutter in einem winzigen Versteck in Wien überlebte und Verwandte im Holocaust verlor.

Auffällig an diesen Briefen sind daher die Leerstellen, von Anfang an, dieses Thema wird kaum berührt. Nur einmal schwingt etwas mit, als Aichinger sich ihre Freundin gedanklich vor Augen führt: „wo Du jetzt liegst oder bist, dann seh ich das Bild Deines Vaters in k. u. k.-Uniform vor mir“.

Trotzdem schmiegen sie sich in ihren Briefen aneinander. Die eine, weil sie die Kraft hat, trotz und wegen ihrer erschütternden Erfahrungen, die andere, weil sie die Einsamkeit früh als Gefahr für sich ansah. „Sei versichert, dass Du immer dazugehörst“, schreibt ihr Aichinger. In ihrer selbsternannten Wahlfamilie nennt sie Bachmann ihre „Zwillingsschwester“ und auch ihre Mutter Berta Aichinger unterschreibt mit „Busserln, Ingebienchen, Ihre Mutti (Ersatz)“.

Zusammen gegen männlich dominierten Literaturbetrieb

Im tief vertrauten familiären Grundton geht es in den folgenden 74 Briefen von Aichinger und den 30 Briefen von Bachmann um Alltagsdinge, Geldsorgen, das Dauerthema Wohnungssuche und um turbulente Dichterbesuche. Interessant, wie die beiden Österreicherinnen im männlich dominierten Literaturbetrieb der 50 Jahre zusammenhalten. Auf den Tagungen der Gruppe 47 ist Bachmann, so schreibt sie 1952 an ihre Eltern, „außer Ilse die einzige weibliche Person und natürlich die Jüngste.“

Aber während Aichinger den „Wirbel und den Betrieb“ für gefährlich hält, sobald er „keine Zeit mehr lässt Heimweh zu haben“, stürzt sich Bachmann buchstäblich in den Literaturbetrieb. Nach ihrem Preis der Gruppe 47, ihrem Titel-Porträt auf dem „Spiegel“-Cover beginnt ihr fast kometenhafter Aufstieg.

Neue Dokumente aus Bachmanns Nachlass

Aufschlussreich und neu lesen sich die Briefe vor allem darin, wie nackt sie die unterschiedlichen Lebensentwürfe der Autorinnen offenlegen. Auch deshalb, weil Herausgeberin und Herausgeber weitere neue Dokumente aus dem privaten Bachmann-Nachlass heranziehen. Während sich Aichinger nach der Heirat mit Günter Eich für die Familie entscheidet, sucht Bachmann ihren Lebensweg einer selbstständigen, schreibenden Frau.

In einen Brief an ihre Eltern im Oktober 1959 fragt sie, ob sie eine Heirat und Kinder für sie richtig fänden, denn sie zähle sich, auch was ihren „Beruf“ angehe, mehr „zu den Männern“. Doch als Aichinger ihr die Geburt ihres ersten Kindes mitteilt, bekennt Bachmann, fast verzweifelt, ihre Sehnsucht nach Familie und dieser „kleinen Krebsigkeit“:

„… manchmal könnt ich auch heulen, weil ich das Gefühl hab, dass ich nie eins haben werd‘ und weil am Horizont absolut kein Licht auftaucht – dass es anders werden könnte mit dem Alleinsein und seiner Fatalität“.

Briefwechsel endet mit Bachmanns Beziehung zu Frisch

Die Lebenswege der einst Vertrauten entwickeln sich weit auseinander. Mit Beginn der Liebesbeziehung zu Max Frisch, die für Bachmann in einer Katastrophe enden wird, werden die Briefe weniger. 1962 kommt der Briefwechsel völlig zum Erliegen. Sie hätte gern noch mehr geschrieben, so Bachmann an Aichinger, „aber ich muss an die Maschine!“ Eines offenbart dieser Briefwechsel aufs Neue: das Dilemma einer weiblichen Schriftstellerexistenz im Korsett der 50er-Jahre.

Ingeborg Bachmann, Ilse Aichinger, Günter Eich: „halten wir einander fest und halten wir alles fest!“
Briefe. Hrsg. von Irene Fußl und Roland Berbig
Salzburger Bachmann-Edition
Suhrkamp Verlag, Berlin 2021
347 Seiten, 40 Euro

www.deutschlandfunkkultur.de/bachmann-aichinger-eich-halten-wir-einander-fest-und-halten.1270.de.html?dram:article_id=504923

“easymagic123″ im offenbacher kunstverein: bettina sellmann, julia jansen & julia mantel

4. November 2021

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3. dezember 2021
ab 18h

Vernissage!

Malerei von Bettina Sellmann und Julia Jansen
Lyrik-Lesung von Julia Mantel
Laudatio von Isa Bickmann

Offenbacher Kunstverein
Aliceplatz 11
(Eingang im Shopping-Center)

Easymagic123 lässt ausgewählte Werke der malerischen Repertoires von Julia Jansen und Bettina Sellmann aufeinandertreffen und zusammen mit Julia Mantels Gedichten eine temporäre Bindung oder Reaktion eingehen.

Julia Jansens neue Bilder sind Abbildungen digitaler Pinselstriche auf illusionistisch-konvex gewölbter, glänzender, semi-transparenter Oberfläche. Ihre räumliche Wirkung entfalten die sehr farbigen Bilder nur in frontaler Betrachtung; von der Seite wirken sie frappierend zweidimensional.

Bettina Sellmanns Bilder zeigen transparent wirkende Figuren, die Manga- und Barockeinflüsse verschmelzen. „Durchsichtige Versionen alter Meister“ offenbaren die Zerbrechlichkeit der äußeren Erscheinungen sowie auch eine innere Verletzlichkeit. Perfekte Oberflächen zerfließen und werden transformiert auf der Suche nach einer scheinbaren Essenz.

Das kommunikative Spiel mit Transparenz wird vervollständigt durch den klaren textlichen Sound von Julia Mantels wortspielerisch verwebten Gedichten, die — im Gegensatz zu ihrer Form — von enormer Kraft und Direktheit sind.

vorgeschmack collagen (fehmi baumbach)/ x-berg

20. September 2021

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collage: 200 euro

www.fehmibaumbach.com

baumbach/mantel im san remo upflamör/ kreuzberg

20. September 2021

karibik-flyer

manchmal trägt das „rumhängen“ in den sozialen netzwerken auch konkrete früchte: die berliner collagenkünstlerin fehmi baumbach und die frankfurter lyrikerin julia mantel trafen hier das erste mal aufeinander und lernten sich und ihre arbeiten schätzen. inzwischen hängen collagen von fehmi im julias wohnung und fehmi hat julias bücher gelesen. der aktuelle lyrik-band von julia „wenn du eigentlich denkst, die karibik steht dir zu“ inspirierten fehmi zu mindestens einem dutzend weiteren collagen. am 23. september werden diese nun im sanremo upflamör/ falkensteinstr. 46/ kreuzberg ausgestellt. ab 20h geht es los. julia wird dazu aus ihrem buch lesen. es gelten die aktuellen corona-regeln. eine collage kostet 200 euro, ein lyrik-band 18 euro. bitte gerne erscheinen!

erste presse (digital)! tausend dank an gerrit wustmann!

19. August 2021

auszug aus “lesen & die liebe zu lausigem wetter”/ 54books

Jetzt aber: Ruhe. Buch. Julia Mantel, deren Gedichte ich lese, seit ihr zweiter Band „dreh mich nicht um“ 2011 im leider kurzlebigen Fixpoetry Verlag erschienen ist. Schlage es auf, und das erste, was ich sehe, ist eine kleine Hommage an eins meiner Lieblingsgedichte von Thomas Brasch:

streich mir das haar

aus der stirn

ich habe bretter

vorm kopf, die

die welt bedeuten

berühre mich dort

wo ich nie

gewesen bin.

Kürzlich las ich eine Lyrikanthologie, in der sich gefühlt jedes zweite Gedicht um Ländliches drehte, um Dörfer und Dorfkneipen, um Blumen, die Sonne, leider oft um wenig mehr. Don’t get me wrong: Ich mag das Ländliche, ohne Waldspaziergänge würde ich verdursten. Aber wenn Gedichte kaum mehr sind als Naturbetrachtungen, dann werde ich stutzig. Das kann sprachlich noch so gut gemacht sein, so viele Leipziger Buchpreise gibt es nicht (zum Glück!). Man muss nur ein Gedicht von Julia Mantel lesen, und schon ist die Provinz wieder aus der Lyrik vertrieben, hochkant.

Leiser Humor, grelles Lachen, knallige Nächte und leise Melancholie, sensibles Sprachspiel und die Androhung von Kalauern liegen hier nah beieinander, Julia Mantel webt Popkultur und Trash ebenso selbstverständlich in ihre Verse wie die Verbeugung vor großen lyrischen Vorbildern, und wer ihre Texte liest, merkt umso schmerzlicher, wie bieder Vieles in der deutschsprachigen Gegenwartslyrik geworden ist. Mantel hingegen hebt den Teppich und kehrt den Dreck hervor, die sozialen Verwerfungen, sie macht keinen Hehl daraus, dass Lyrik oft Hungerkunst ist: mein haus, mein auto, mein aus. / nichts ist im lot. Und: in letzter zeit bin ich nicht mehr / so komplett top-informiert / literatur da wird mir übel ey / und bei den arztromanen sowieso.

Ich lese da die einst hitzig diskutierten Schreibschulenarztsohnundtocherromane mit, aber vielleicht ist das ganz anders gemeint. Jedenfalls: Das sind Gedichte, die etwas von mir fordern. Meine ganze Aufmerksamkeit. Der Tag verschwindet, das Wetter, das Naturprosagedicht von eben verschwindet, es sind nur noch die Gedichte da, und leider habe ich das Buch wieder viel zu schnell durch, ich muss es nochmal lesen, denn erfahrungsgemäß wird es ein paar Jahre dauern, bis das nächste kommt.

www.54books.de/lesen-die-liebe-zu-lausigem-wetter